Yoga und Golf

Ich muss eins gleich gestehen: ich habe gerade erst mit dem Golfen angefangen. Inspiriert wurde ich im Sommer durch eine sehr nette Bahn-Bekanntschaft, einem Golf Pro und Athletik-Trainer, der mich auf den Geschmack gebracht hat, es einmal auszuprobieren. Nun wage ich mich, aus Sicht des Yoga diesen durchaus schönen Sport zu betrachten. Aber vielleicht hilft gerade der naive Anfänger-Blick, um Dinge im neuen Licht zu sehen.

Ein Spiel der Jahre und nicht der Stunden

Mein Golftrainer hat mir gleich am Anfang den Zahn des schnellen Erfolges und Ehrgeizes gezogen. Und zwar in sofern, dass man Golf nicht in Stunden erlernt, sondern mit den Jahren. Ein Verwandter von mir, der selbst seit nahezu 2o Jahren Golf spielt, nickte eifrig als ich das erzählte und bestätigte, dass Golf zu den fünf am schwierigsten zu erlernenden Sportarten gehöre.

Dennoch frohen Mutes nahm ich meine ersten Golf-Stunden. Mir begegneten mehrere Dinge: zum einen die wohltuende frische Luft, die längeren Aufenthalte in der Natur, das Draussen sein – egal wie und ob das Wetter gerade mitspielt –, die Stille und die Fähigkeit beim Schlagen des Golf-Balles ganz im Hier und Jetzt zu sein. Denn so viele Sachen möchten gleichzeitig, beziehungsweise geordnet hintereinander koordiniert werden. Es blieb keine Zeit, über irgendetwas anderes nachzusinnen. Zum anderen bin ich mir selbst und vor allem auch meinen Schattenseiten ganz gut begegnet: Zum Beispiel der Frust, wenn etwas nicht gleich so funktionierte, wie ich mir das vorstellte und die eigene Wut, es einfach nicht hinzubekommen, auch nach dem zwanzigsten Versuch nicht.

Normalerweise bin ich damit verwöhnt, dass mir neue Sportarten recht schnell von der Hand gehen. Aber wie mein Trainer ja eingangs so nett erwähnte ist Golf, sofern man nicht zum Ausnahme- oder Natur-Talent gehört, eine Sportart, die der Zeit, der Geduld und der Übung bedarf.

Bei folgenden Aspekten kommt mir meine yogische Grund-Natur auf dem Golfplatz vielleicht zu Gute. Und so kannst eventuell auch du nachvollziehen, was ich weiter unten beschreibe, wenn du selbst schon einmal das Golfen probiert hast.

Gleichmut, Geduld und Gelassenheit

Etwas oft zu versuchen und immer wieder einzustecken, dass es nicht so funktioniert wie man sich das vorstellt, erfordert meines Erachtens viel Gleichmut und Geduld. Auf dem Golfplatz lerne ich auf andere und neue Art, geduldig mit mir zu sein und nicht zu streng mit mir ins Gericht zu gehen. Ich lerne entspannt zu ertragen, Fehler zu machen und auch wenn ich diese eventuell immer und immer wieder mache.

Sich so anzunehmen, wie man ist, ist eines der schönsten Etappen auf dem Yoga-Weg. Zu akzeptieren, dass wir Fehler machen und gut damit umgehen zu können, dass nicht immer alles perfekt abläuft, gehört meine ich, zu einem gesunden und entspannten Leben dazu. Viel zu oft streben die meisten von uns nach Perfektion. Das Leben ist nicht perfekt. Das Leben ist lebendig. Das ist es vielmehr, was ich mit hundertprozentig ausdrücken möchte.

Die Poesie des Unvollkommenen sowohl auf der Yogamatte als auch auf dem Golfplatz zu erlernen und zu erleben, ist ein Geschenk, welches uns mit der nötigen Gelassenheit ausstattet. Und sie hilft uns Freude bei diesen Tätigkeiten zu empfinden, egal wie das Resultat ausschaut. Freude und Glück sind keine weit entfernten Ziele, die mit Fleiss, Disziplin und Anstrengung erreicht werden. Es ist doch viel eher das „einfache“ Sein im momentanen Augenblick. Sowohl Golf als auch Yoga lehren dich dieses.

Konzentration

Konzentration gilt im Yoga als Vorstufe zur Meditation. Sie lässt den Geist ruhig werden, weil wir unsere Aufmerksamkeit nicht mehr auf vieles oder hin und her lenken (Multitasking), sondern sie gedanklich auf nur eine Sache bündeln. Wir konzentrieren uns entweder nur auf unsere Atmung, auf die Wahrnehmung unseres Körpers oder vielleicht auf einen einzigen Gedanken.

Auch beim Golfspiel ist die Fähigkeit, sich angemessen zu konzentrieren, eine nicht zu unterschätzende Kompetenz. Wenn ich schlage, sind mein Körper, mein Schläger und der Ball idealerweise „eins“. Sie bilden eine Einheit. Ich konzentriere mich auf meine körperliche Ausrichtung. Keine Bewegung, keine Koordination, kein Schwung wird dem Zufall überlassen, sondern alles so präzise wie möglich ausgeführt. Mein Fokus ist klar auf das Ziel ausgerichtet (oder zumindest darauf, wo ich meinen Ball erstmal hinhaben möchte).

Die Konzentration auf eine Sache lässt unseren Geist „einspurig“ werden. Das ermöglicht es uns, nicht von weiteren Möglichkeiten und Eventualitäten abgelenkt zu werden und unser Ziel zu erreichen. Wenn ich schaue, wo ich meinen Ball nach dem Schlag haben möchte, kann ich nicht noch weitere Ziele anvisieren. Der Fokus liegt auf einer (Aus-)Richtung.

Die Konzentration auf den Körper und auf die Atmung im Yoga oder beim Golf hilft dabei, unsere Ziele wahrzunehmen, anzuvisieren und letztlich im Idealfall auch zu erreichen. Und dennoch zählt die Ruhe in der Konzentration im Augenblick mehr, als das Erreichen des Ziels.

Beweglichkeit

Yoga fördert die Beweglichkeit – ich denke, dass ist mittlerweile kein Geheimnis mehr. Besonders Bewegungen, die man im Alltag nicht so häufig ausführt, werden im Yoga gezielt geübt.

Streckungen des Rückens sind ein guter Ausgleich zur leicht vorgebeugten Haltung beim Golfschlag. Rotationen des Rumpfes/ der Wirbelsäule helfen, den so berühmten vollen Schwung beim Golfabschlag technisch zu verbessern.

Wenn die Beweglichkeit insgesamt gefördert wird, dient dies auch dem allgemeinen Ausgleich. Für mich ist Yoga zudem ein toller Tanz der Balance zwischen Beweglichkeit und Stabilität.

Stabilität

Während man beim Golf schlägt, bleibt der Körper relativ stabil. Ansonsten wird ein präziser Schlag in die Richtung, in die wir den Ball haben möchten, fast unmöglich. Yoga bietet auch hier eine ganze Menge an Übungen, die die Stabilität fördern. Kräftigungen der Bein- und Rumpfmuskulatur verbessern den stabilen Stand. Beim Golfschlag stehen die Beine stabil und je nach Schlagart rotiert der Rumpf mehr oder minder. Beim Putten ist es eine sanfte Bewegung aus den Schultern, der Rest des Rumpfes bleibt stabil. Beim Chippen und Pitchen bewegt sich der Oberkörper schon mehr. Beim vollen Golfschlag rotiert dann der Oberkörper erst entgegen der Schlagrichtung, um dann samt Hüfte (des Nicht-Standbeines) nach vorn zu drehen. Das Körpergewicht ist stabil auf dem vorderen Fuss, sodass sich der hintere Fuss mit der Sohle bis auf die Zehenspitzen vom Boden abheben kann.

Man könnte die verschiedenen Golfschläge als Stabilität in Bewegung bezeichnen. Es sind ganz geführte Bewegungen, die Körperbeherrschung, Stabilität, Gleichgewichtsgefühl und Koordination voraussetzen.

Koordination

Beim Erlernen einer neuen Sportart ist die Koordination der neuen Bewegungsabläufe oft eine Herausforderung. Körper und Gehirn erlernen neue Muster, die dann irgendwann einmal, früher oder später in Fleisch und Blut übergehen sollten. Wie schon oben erwähnt, gilt Golf eher als koordinativ schwierig. Es ist sind anspruchsvolle Techniken zu erlernen, die zum „perfekten“ Golfschlag führen.

Komplexere Bewegungsabfolgen oder anspruchsvolle Haltungen im Yoga fördern die Koordination. Viele Sportler profitieren von Yoga-Übungen, da neue Bewegungsabläufe geübt werden. Das Zusammenspiel zwischen Körper und Gehirn wird trainiert. Nur wenn wir einen entsprechenden Reiz setzen, bildet unser Gehirn neue Synapsen.

Ausgleich

Yoga ist für viele Golfer der perfekte Ausgleich. Denn wir schlagen immer mit der gleichen Seite und mit einer sehr ähnlichen Ausrichtung des Körpers. Das heisst, der Körper ist tendenziell einseitig belastet. Im Yoga werden Ungleichheiten idealerweise wieder ausgeglichen. Die Balance und die Ausgewogenheit wird durch viele Übungen angestrebt.

Wenn wir beim Golf oder im Alltag unseren Körper einseitig belasten, ist es durchaus sinnvoll, die belastete Seite zu entlasten und die andere Seite zu fordern. Im Yoga wird der Körper darüber hinaus gleichmässig gefordert, gedehnt und gekräftigt.

Wenn in einer Yoga-Einheit viele Vorbeugen geübt werden, sind ausgleichende Rückbeugen von Nöten. Beim Drehsitz rotiert der Rumpf intensiv in eine Richtung. Auch hier schaffen wir Ausgleich, wenn wir, noch bevor wir die andere Seite intensiv üben, kurz in die Gegenrichtung ausgleichend drehen.

Ziel erreicht – Ball  ist im Loch

Egal wie viele Schläge wir auf dem Weg gebraucht haben, unser Ziel ist erreicht, wenn wir den Ball eingelocht haben. Wenn wir uns von Erwartungen und Perfektionswünschen etwas freier machen, dann können wir mit einem Gefühl der Leichtigkeit und Erleichterung zum nächsten Abschlag laufen. Alles auf Anfang an dieser neuen Bahn. Das Fairway begrüsst uns als optimale Wegoption, Hindernisse begleiten den Weg zum Ziel. Wir nehmen alles wahr, die Optionen wie die Hindernisse. Ein Weg kann leicht oder schwer, bequem oder anstrengend werden. Freuen wir uns vorbehaltlos, wie das Leben uns begegnet. Auf dem Golfplatz, auf der Yogamatte, im Alltag. Und ich hoffe doch, immer hundertprozentig – mit allem was es dazu braucht.

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