1. Advent – vom Suchen und Sehnen

Ich behaupte, wir Menschen sind während unseres Lebens auf der Suche. Da ist ein Suchen oder Sehnen in uns, auch wenn wir nicht immer genau wissen wonach. Die Meisten von uns haben ein inneres Verlangen nach Sinnhaftigkeit. Was aber ist der Sinn eines Menschenlebens? Ist es Glück, Liebe, Familie oder Erfolg? Ist es eine Mischung aus all dem? Und gibt es einen „höheren“ Sinn? Hat Menschenleben Sinn ohne Sinn?

Vom Suchen und Sehnen

Vor einigen Jahren meinte ein guter Freund zu mir, ich wäre in meinem Leben auf einer immer währenden Suche. Ich fühlte in mir aber eher eine Art Sehnsucht – wonach war mir nicht ganz klar. War also diese Sehnsucht in mir eher eine Suche? Ich fasste die Bemerkung meines Freundes damals als negativ gemeint auf. Und fragte mich, ob ich nach aussen so unruhig wirkte. Doch einige Zeit später wusste ich, dass es weder negativ gemeint war, noch dass er damit eine unangenehme Unruhe in mir sah. Er meinte vielmehr das ständige Suchen und Finden, Ausprobieren und Vertiefen neuer Ideen und „Inspirationen“ in meinem Leben. Danke HJ, für deine Beobachtungsgabe und Menschenkenntnis.

Ja, mein Leben ist immer in Bewegung. Wäre es das nicht, würde ich mich nicht lebendig fühlen. Aber was in dieser Bewegung immer mitschwingt ist meine Frage nach dem Sinn. Ich weiss, was für mich Sinn hat. Meinen Lebens-Sinn finde ich in meiner Familie, in meiner Arbeit mit Menschen und in der Liebe. Mit Liebe meine ich nicht unbedingt nur die romantische Liebe zwischen zwei Menschen. Sie ist ein Teilaspekt des grossen Spektrums der Liebe. Liebe an sich ist die mächtigste Energie und ich meine, sie zu begreifen, ist Teil unserer Aufgabe hier.

Die Liebe

Die Liebe ist überall. Aber kann man sie sehen? Ich denke ja. In konkreten Situationen und bei bestimmten Menschen wird sie sichtbar. Manchmal steht sie Menschen ins Gesicht geschrieben. Sie leuchtet im Idealfall durch unser Verhalten und Handeln hindurch. Sie ist die Kraft, warum Menschen sich begegnen und erfahren oder wenn sie einander zugewandt sind. Und dennoch können wir sie erstmal nicht konkret verorten.

Nicht immer ist es Eros, was uns so belebt. Eros ist die Form der Liebe, die Begehren und Erotik beinhaltet. Genauso intensiv können aber auch Filia und Agape sein. Filia ist der Anteil der Liebe, der uns in tiefen Freundschaften und in einer generellen „Menschenfreundlichkeit“ begegnet. Agape ist tiefe Liebe ohne Aufbegehren und ohne Verlangen. Agape fragt nicht nach dem „was springt dabei für mich heraus?“, sondern „wie kann ich nützlich sein?“.

Die „alten“ Griechen haben die Liebe als dieses Drei-Geflecht beschrieben. Eros, Filia und Agape bilden aus Sicht der antiken Philosophie gemeinsam das Phänomen Liebe. Sie sind miteinander verwoben, können aber auch einzeln oder in verschiedenen Kombinationen in Erscheinung treten. Vielleicht haben wir bislang die romantische Liebe und die Erotik, so wunderschön beides ist, zu isoliert betrachtet? Und finden deshalb nicht, wonach wir suchen und uns sehnen? Leben wir die beiden anderen Anteile der Liebe ausreichend? Können wir sie spüren und auch nach ihnen handeln?

Manche von uns suchen allein im Eros ihre Erfüllung. „Der Eine/die Eine soll mich glücklich machen“ – das geht aber vermutlich nicht auf. Zumindest nicht auf Dauer und Lebenszeit. Wie soll das denn auch funktionieren? Wie können wir von einer aussenstehenden Person erwarten, unsere Suche nach Liebe und Anerkennung ganz auszufüllen, wenn wir uns selbst nicht einmal richtig kennen und lieben gelernt haben? Wissen wir wirklich, wie es im Innersten um uns steht? Schauen wir doch zu allererst einmal dort hin. Kultivieren wir zunächst Eros, Filia und Agape in uns selbst. Sind wir uns selbst ein guter Freund (Filia) oder eher unser größter Kritiker? Lieben wir uns selbst bedingungslos ohne „wenn und aber“ (Agape)? Finden wir uns selbst schön und begehrenswert (Eros) oder haben wir nicht eher ständig etwas an unserem äußeren Erscheinungsbild zu nörgeln?

Die Antworten auf die obigen Fragen können wir uns nur selbst beantworten, indem wir lernen hinzuschauen. Wie sieht es in uns tief drinnen aus? Wir sollten nicht erwarten, dass andere Menschen für unser Lebensglück zuständig sind. Wir sind es zutiefst selbst. Hören wir auf, die Schuld den anderen zu geben, dass unser Leben bislang nicht so verlaufen ist, wie wir es uns ersehnen. Meckern wir andererseits aber auch nicht ständig an uns selbst herum.

Wir sind verantwortlich für unser Denken und Fühlen und das daraus resultierende Verhalten. Letztlich treffen wir die Entscheidungen, wie wir denken, fühlen und leben möchten.

Wenn zwei Menschen Liebes-hungrig aufeinander treffen und nicht wissen, was sie selbst Wertvolles in sich tragen, dann wird das ein frustrierendes Beziehungs-„Mahl“, wo letztlich beide wieder hungrig gehen. Es ist wie ein Fass ohne Boden. Wenn hingegen jeder gut für sich sorgt und in guter Selbstfürsorge lebt, dann können zwei Liebes-genährte Menschen ihr Glück gemeinsam verdoppeln. Es ist wie die Extraportion Sahne in der Liebe. Sie ist keine Notspeise für Ausgehungerte, sondern sie ist ein echtes Gourmet-Highlight für Liebes-Geniesser.

Das alles klingt erstmal ungewöhnlich, erklären uns doch Filme, Bücher und Liebeslieder das Gegenteil, dass wir erst vollständig sind, wenn wie den Einen/die Eine getroffen haben. Wenn wir uns aber auf die Behauptung einlassen, dass Liebe sich von innen nach aussen verschenkt, dann können wir anfangen, unser Leben und unsere Liebe darauf auszurichten. Eros, Filia und Agape werden von innen heraus frei gelassen. Liebe ist etwas, das tief in uns drinnen wohnt, was von uns gefunden und entdeckt werden will.

Und hier sind wir wieder beim Suchen angelangt. Suchen wir nicht alle nach Liebe? Die Frage wirkt schon fast verkitscht. Und man denkt vielleicht sofort an flache Sätze und Sendungen wie: „Nur die Liebe zählt.“  Und doch ist es so. Nur sie zählt.

Wo ist die Liebe? Und wenn ja, wer ist sie?

Gibt es einen Ort, an dem wir die Liebe finden, die wir suchen und nach der wir uns zutiefst sehnen? Hierzu eine kleine Anekdote:

Gott fragte vor langer, langer Zeit seinen vertrautesten Lieblingsengel, wo ein geeignetes Versteck für ihn wäre. Er wollte sich vor den Menschen verbergen, damit sie sich ernsthaft auf die Suche nach ihm machen würden. Der Engel riet ihm: „Höchster, verbirg dich doch auf einem weit entfernten Stern in einer verborgenen Galaxis.“ Gott dachte nach und widersprach seinem Engel: „Nein, liebes Lichtwesen. Die Menschen sind so raffiniert. Sie würden umständliche und aufwändige Untersuchungen machen und Raumschiffe bauen und mich dann auffinden können.“

„Mh“, sagte der Engel. „Wie wäre es dann in den tiefsten Tiefen eines Ozeans? So tief kann kein Mensch kommen!“ Gott sprach: „Nein – auch hier werden sie erfindungsreich sein. Sie werden U-Boote bauen und es möglich machen, alle Tiefen des Ozeans zu erreichen. Auch das geht nicht.“

Der Engel denkt einen Moment nach. Fasst sich dann an den Kopf und sagt: „Höchster Meister, jetzt habe ich es! Du bist Gott und allmächtig. Also verstecke dich in jedem einzelnen Herzen von ihnen. Dort werden sie dich nicht vermuten. Dort finden sie dich nicht so schnell.“

„Ja“, rief Gott da. „Das ist eine sehr gute Idee. So werde ich es machen.“ Daraufhin beschloss Gott in jeden einzelnen Menschen einen Funken seiner Selbst zu legen. Und wirklich: bis zum heutigen Tag ist es ein sehr gutes Versteck. Ist das Versteck aber erst einmal entdeckt, kann der Funken ein ganzes Feuerwerk der Gefühle und der tiefsten Liebe, zu der ein Menschenherz fähig ist, entzünden.

Yoga, Tantra-Yoga und die Liebe

Yoga fördert generell das Bewusstsein für Liebe. Wir werden achtsamer, sensitiver. Dass Yoga uns intensiver fühlen lässt, egal in welcher Ausdrucksform der Liebe, ist denke ich, kein Geheimnis mehr.

Tantra Yoga verbindet energetisch zwei Pole (männlich und weiblich). Es geht um Integration. Aber nicht nur die zwei gegensätzlichen Pole von männlich und weiblich können zusammengeführt werden. Wenn wir Filia und Agape in die erotische Liebe mit einbeziehen, kann auch unser Eros, unsere Erotik und Sexualität, noch mal eine neue Dimension erreichen.

Nehmen wir die Dreier-Komponente von Eros, Filia und Agape mit hinzu, erleben wir die Liebe vermutlich wie den Himmel auf Erden. Die Liebe in uns wird dann so mächtig, dass sie das zu heilen vermag, was in uns zuvor gebrochen oder verletzt war. Wir werden wieder ganz und heil.

Advent

Übermorgen ist der erste Advent. Advent ist die Zeit des Jahres, in der wir warten – erwarten. Voller Sehnsucht und Vorfreude gehen wir auf Weihnachten zu. Ich weiss, viele Menschen können mit Gott und der Kirche heutzutage nicht mehr viel anfangen. Aber suchen und erwarten wir nicht dennoch alle Liebe? Weihnachten ist Liebe. Gott schenkt sich uns. Gott ist mit uns. Und er ist bestimmt auch nicht gegen die Liebe. Er ist die Liebe.

Gehen wir doch diesmal in den Advent mit einem nach innen gerichteten Blick. Schauen wir in Richtung unseres eigenen Herzens. Suchen wir dort nach Eros, Filia und Agape. Vielleicht finden wir ein Licht, einen Funken. Bringen wir es zum Leuchten, zum Strahlen.

Stell das Licht deines Lebens und deiner Liebe nicht länger unter den Scheffel. Lebe nicht lauwarm, sondern heiss und hundertprozentig. Lass es durch Eros, Filia und Agape als Manifest der Liebe aktiv werden in einer Welt, die dies so dringend braucht. Fragen wir also nicht nur nach dem „was bekomme ich?“ sondern nach dem „was kann ich geben?“.

Entdecke den Funken in deinem Herzen. Finde dich in diesem Funken. Und lebe diesen Funken hundertprozentig. Für ein erfülltes und sinnvolles Leben. Voller Liebe und Mitgefühl für dich selbst und andere. Verschenk dich an die Welt und werde beschenkt durch die Liebe, die dir wiederum in Menschen begegnet. Und vielleicht findest du Gott in all dem.

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