3. Advent – geduldig warten können

Kannst du dich noch daran erinnern, wie du als Kind Weihnachten regelrecht entgegen gefiebert bist? Im Advent rückte der zutiefst ersehnte Tag Türchen um Türchen näher. Du warst vermutlich genauso wie ich voller Hoffnung und Vorfreude, endlich die Geschenke zu bekommen, die du so gern haben wolltest. Und Ungeduld vermischte sich wild mit Ehrfurcht und Respekt vor der Magie des Weihnachtsfestes.

Wenn ich ehrlich bin, war ich als Kind ziemlich ungeduldig. Ich konnte es kaum erwarten, bis der ersehnte grosse Tag des Weihnachtsfestes da war. Schon Tage vor Weihnachten habe ich heimlich nach den versteckten Geschenken gesucht. Meine Wünsche sollten sich doch bitte immer jetzt & sofort erfüllen. Und auf ein bestimmtes Ziel länger hinzuarbeiten erschien mir als Kind und Jugendliche schlichtweg unmöglich.

Mit den Jahren und dem Älterwerden trainierte ich mir dann – nicht nur vor Weihnachten – eine gewisse Geduld an. Ich tat dies mehr oder minder aus Vernunft und um die Nerven meiner Mitmenschen und meine eigenen zu schonen.

Erst mit länger andauernder eigener Lebens- und Yoga-Erfahrung entstand in mir eine Haltung leichtfüssiger Gelassenheit und fast selbstverständlicher Geduld, die sogar mein ungeduldiges und nervöses Dasein besänftigte. Gleichmut und Abwarten-können sind nun Teil meines Lebens geworden, auch wenn ich nach wie vor voller Neugier und Begeisterungsfähigkeit bin. Doch die Idee, besonnenere Entscheidungen zu treffen und dann einen Schritt nach dem anderen zu machen, überzeugt mich ebenfalls sehr.

Geduldig und gelassen

Im Erwachsenenalter eignen wir uns alle freiwillig oder gezwungenermassen eine gute Portion Geduld an. Aber was bedeutet es eigentlich heutzutage, geduldig zu sein und abwarten zu können?

In einer Welt, die sich immer schneller zu drehen scheint und einer Zeit, die uns wie beschleunigt vorkommt, wird Geduld und Abwarten-Können zur hohen Kunst, weil wir bewusst aus dem High Speed ICE unseres Lebens aussteigen müssen. Wie gut tut es doch, nicht immer alles und sofort erledigen zu müssen! Nehmen wir uns also wieder mehr Zeit für alles und vor allem zum Leben.

Das Wort Geduld stammt vom deutschen Wort „Dauer“ ab. Im übertragenen Sinn meint es also, eine Zeitspanne abwarten zu können. Im Lateinischen heisst es „patientia“. Unser Begriff des „Patienten“ stammt aus dieser lateinischen Wortbedeutung. Ein Patient muss also auch Geduld als Voraussetzung bei seiner Gesundung und Heilung mitbringen. In diesem Sinne sind wir sicherlich alle Patienten des Lebens, wenn wir Veränderungen in unserer Lebensweise und für unsere Gesundheit vornehmen möchten oder uns Ziele im Leben setzen.

Das Wort „gelassen“ beinhaltet wiederum das Wort „lassen“ und zeigt uns damit den Weg, nicht immer alles „machen“ zu müssen, sondern dass wir in der Gelassenheit die Freiheit haben, etwas nicht (mehr) zu tun, zu denken oder zu fühlen – und sei es nur für diesen Augenblick.

Geduld lernen

Ein berühmter Buchtitel lautet: „Wenn du es eilig hast, gehe langsam.“ Dem kann ich voll und ganz zustimmen. Denn wann immer ich es beim Vorankommen im Leben eilig hatte und im Laufschritt hektisch durch die Gegend stolperte oder übermotiviert zu viel auf einmal machte, strauchelte ich garantiert kurze Zeit später an meiner eigenen Überforderung.

Auch der Unsinn radikaler Massnahmen der Veränderung, seien sie seitens der Ernährung, des Trainings oder des Denkens und Verhaltens, erschloss sich mir letztlich bitter nach herben Enttäuschungen und Niederlagen. Denn egal was wir verändern möchten, wir brauchen dazu immer Geduld, Zeit und einen langen Atem.

Eine schnelle Crash-Diät bringt vielleicht vermeintlich schnell weniger Kilos auf die Waage. Aber vermutlich ist es kein Geheimnis mehr, dass diese Kilos in eher seltenen Fällen aus unseren Fettdepots stammen geschweige denn diese nicht mindestens genauso schnell wieder auf unseren Hüften landen wie vor der Radikal-Massnahme. Genauso wenig hat es Sinn, in fünf Wochen zum Profisportler avancieren zu wollen, wenn wir zuvor jahrelang inaktiv waren. Haben wir also Geduld mit uns und unserem Körper, wenn wir dauerhaft etwas zum Besseren verändern möchten.

Denn bei allen kurz gedachten Veränderungswünschen müssen wir fast zwangsläufig auf die Nase fallen. Wir erleben Rückschläge, (körperliche) Verletzungen und Frustrationen. Diese kosten uns allesamt wiederum viel Zeit, Kraft und Motivation.

Lernen wir also wieder langsamer durch das Leben zu gehen. Und auch Zeiten des Wartens, Abwartens und Innehaltens zu pflegen, so wie es uns die Natur im Winter vorlebt. Im Winter träumt es sich schön von neuen Zielen, die wir mit der Kraft des neuen Jahres und des Frühlings in Angriff nehmen können.

Advent – Zeit des Wartens

Am Jahresende mit der Zeit des Advents haben wir die Möglichkeit, wieder warten zu lernen. Wir können innehalten, das vergangene Jahr nochmals betrachten und Revue passieren lassen. Anstatt der Hektik des vorweihnachtlichen Endspurts bis zu den „Festtagen“, können wir versuchen, uns bewusst zu entschleunigen. Innerlich langsamer zu werden und vieles zu überdenken bereichert den Dezember mehr, als sich bis zum Ende des Jahres mit Dingen zu überwerfen, die wir bis dato nicht geschafft haben.

Vorfreude

Ein bekanntes Sprichwort sagt uns, dass Vorfreude die beste Freude ist. Ob das tatsächlich stimmt, kann ich nicht beurteilen. Ich finde die Freude des jeweiligen Augenblicks ebenfalls wunderbar. Denn ist nicht der jeweilige Augenblick des „Jetzt“ das Einzige, was real ist?!

Aber die Vorfreude deutet uns einen Weg, sich freudig und gelassen auf den Weg zu machen. Wenn sich nicht jeder Wunsch sofort erfüllt, wächst die Freude, wenn er dann endlich für uns wahr wird. Bereiten wir uns Schritt für Schritt auf unsere Veränderung vor. Geniessen wir den Weg dorthin. Bei grossen Zielen können wir uns Meilensteine als Etappenziele setzen. Sie sind wie die Türchen im Adventskalender, dessen letzte Tür uns unser grosses Ziel offenbart.

Yoga für mehr Geduld und Gelassenheit

Im Yoga wird der menschliche Geist gern mit einer Horde Affen verglichen, die hin und her springen und nicht fähig sind, zur Ruhe zu kommen. Durch verschiedene Übungen können wir diese „Affenbande“ aber zähmen lernen. Einfache Beobachtung, Wahrnehmung und Konzentration ohne auf das, was wir da wahrnehmen reagieren zu müssen, wird im Yoga durch eine Vielzahl von Übungen gefördert.

Auch der wortwörtliche oder sprichwörtliche „kurze Atem“ wird mit zunehmender Yoga-Praxis durch einen tiefen, gleichmässigen Atem ersetzt.

Und waren wir bislang zum Beispiel ein eher unbeweglicher Mensch, könnte es eine Herausforderung unserer Geduld sein, nach und nach den Körper wieder flexibler werden zu lassen.

Leider hetzen heute viele auch durch die Yoga-Stunden. Die Sonnengrüße werden extrem beschleunigt und eine Höher-Weiter-Schneller-Mentalität, die vor dem Yoga Studio nicht halt macht, spornt uns zu rasanten Veränderungswünschen an.

Vielleicht stellen wir uns deshalb am Ende des Jahres noch einmal demütig auf unsere Matte und bleiben einfach mal stehen und atmen. Wer mag schliesst zusätzlich die Augen und lauscht nach innen.

Ziele setzen – aber smart

Im Coaching werden manchmal im Hau-Ruck-Verfahren Ziele aufgestellt, die dann genauso stürmisch angegangen werden. Aber vielleicht hilft es mehr, eine Zeit der Pause einzulegen, um nachzuspüren, was man eigentlich wirklich möchte, bevor man hoch- beziehungsweise über-motiviert losprescht. Denn auch hier können sich dann Enttäuschungen und Niederlagen einstellen, wenn wir den für uns falschen Zielen nachgejagt sind.

Winter-Weihnachtszeit

Lass jetzt die Träume und Wünsche für dein nächstes Jahr tief in dir drinnen wirken und reifen. Lass sie wie Samenkörner auf die hoffentlich noch nicht gefrorene Erde deines Lebens fallen. Sie sterben nicht, sondern schlummern und sammeln Kraft für die richtige Zeit des Erwachens und Erblühens in deinem Leben – ganz bald und dann zu Hundertprozent. Freu dich auf deine Geschenke des Lebens wie ein kleines Kind vor Weihnachten, aber mit mehr Gelassenheit und Geduld.

Ich wünsche dir in diesem Sinne einen wunderschönen 3. Advent des Wartens, des Erwartens, der Entschleunigung und des Ankommens bei dir selbst. Sei einfach du selbst – natürlich hundertprozentig.

Ein Gedanke zu “3. Advent – geduldig warten können

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