Yoga-Wege

Es gibt viele Wege und Möglichkeiten, Yoga im eigenen Leben zu integrieren. Vielleicht gibt es sogar genauso viele Yoga-Wege, wie es Menschen gibt, die sich für Yoga entscheiden. In den alten Yoga-Schriften werden traditionelle Wege des Yoga beschrieben. Sie können Anregungen sein, heraus zu finden, wo man selbst steht und welchen Weg man einschlagen möchte – auf der Matte und im Leben an sich.

Um sich auf den Yoga-Weg zu begeben, braucht es nicht viel. Wir müssen weder gelenkig noch besonders erfahren in diversen Atem- oder Meditations-Techniken sein. Eigentlich müssen wir es zu allererst einmal nur wollen. Idealerweise begrüssen wir Veränderungen oder sehen zumindest in Teilbereichen unseres Lebens eine gewisse Notwendigkeit des Perspektiv-Wechsels ein. Um sich mit Yoga tiefer vertraut zu machen, ist es sinnvoll, sich mit den traditionellen Wegen des Yoga zu befassen.

Als ich damals in der Lehrer-Ausbildung von den klassischen Wegen erfahren habe, konnte ich mich gleich auf einem oder zwei Wegen sehen und ich habe mich gefragt, ob ich diese parallel gehen kann oder ob sie sich ausschliessen würden.

Nach vielen Jahren kann ich nun zurückblicken und sagen: Ja, manches geht parallel, manches braucht volle Hingabe. Schau mal, wo du dich siehst und ob du das ein oder andere in deinem Leben wiederfindest oder vielleicht in deinen persönlichen Yoga Weg integrieren möchtest.

Klassische Yoga-Wege

Ursprünglich wurden diese vier Yoga-Wege beschrieben:

  1. Karma Yoga (Yoga der „Handlungen“)
  2. Bhakti Yoga (Yoga des „Herzens und des Mitgefühls, der Hingabe“)
  3. Jnana Yoga (Yoga der „Erkenntnis“)
  4. Raja Yoga ( der sogenannte „Königsweg“ des Yoga)

Karma Yoga

Karma Yoga beruht auf dem Gesetz von Ursache und Wirkung bzw. von Aktion und Reaktion. Jede Handlung ruft eine Reaktion hervor, die Reaktion ist genauso gross wie die Handlung (Actio=Reactio). Laut der alten Schriften strebt der Yogi an, aus diesem Gesetz auszusteigen, es zu überwinden, soweit dies möglich ist.

Er möchte das ewige Karussell aus Aktion und Reaktion beenden. Denn jede Handlung erzeugt Karma. Er strebt an, in all seinen Handlungen sein Ego aussen vor zu lassen, um schliesslich die Identifikation mit dem Ego aufzugeben um sich anschliessend mit dem SELBST zu identifizieren. Inwieweit dies wirklich realisierbar ist, bleibt offen.

Das Handeln im Karma Yoga sollte dem Gedanken der Einheit entsprechen. Man tut Gutes, handelt im positiven Sinne, selbstlos und ohne Erwartungen. Man hilft, wo man kann, ohne dafür Lob und Anerkennung erfahren zu wollen, einfach aus sich selbst heraus, um dem Größeren zu dienen. Man ist an den Früchten (z.B. Lob, Anerkennung, Ruhm) seines Handelns nicht interessiert.

Letztlich sind wir alle irgendwie miteinander verbunden, deshalb tun wir mit guten Taten für andere auch etwas für uns, es gibt keinen Unterschied zwischen „dir und mir“. Das, was wir unserer Umwelt oder unseren Mitmenschen „antun“, kommt zwangsläufig früher oder später zu uns zurück.

Bhakti Yoga

Bhakti Yoga strebt die Entwicklung des spirituellen Herzens an. Es ist eine spirituelle Liebe, die die egozentrische oder personengebundene Liebe überschreitet. Auf der Ebene des Bhakti Yoga sind wir alle gleich, miteinander verbunden, nicht wirklich getrennt. Alles hat mit allem zu tun.

Im Bhakti Yoga nimmt man eine höhere Perspektive ein. Man bleibt nicht im Kleinlichen und Persönlichen stecken, sondern erkennt einen höheren Zusammenhang voller Mitgefühl. Auch wenn das bei manchen Menschen schwer zu erkennen scheint, sind wir doch alle guten Ursprungs  und wir sollten versuchen, das in jedem und allem zu erkennen.

Das Singen oder bewusste Zuhören von Mantren zum Beispiel ist eine Form des Bhakti Yoga. Es erweckt in uns höhere Gefühle der Verbundenheit. Ausserdem wirken Rituale, die vom Herzen kommen auf ähnliche Weise. Dies sind zum Beispiel das Anzünden von Kerzen, das Schmücken und Verzieren mit Blumen, Räucherwerk, die Pflege eines Hausaltars usw. Da Bhakti Yoga unser spirituelles Herz öffnet, kann dieser Weg auch als religiöser Weg im Yoga bezeichnet werden.

Wäre Mutter Teresa eine Yogin gewesen, dann wäre sie bestimmt eine Bhakti Yogin gewesen. Sie hat sich jedem Menschen, egal woher er kam, mit vollem Mitgefühl und ganzer Hingabe gewidmet.

Jnana Yoga

Jnana Yoga beschäftigt sich mit dem Wissen, der Weisheit und der Erkenntnis. Dem  liegt die Vedanta Philosophie zugrunde. Jnana Yoga Philosophie beschäftigt sich mit Fragen wie zum Beispiel: „Wer bin ich?“, „Wo gehe ich hin?“, „Was ist der Sinn des Lebens?“. Der Yogi geht hier in drei Schritten vor:

  1. er hört,
  2. er reflektiert über das Gehörte und
  3. er erkennt und empfindet das vorher Gesagte selbst.

Der Jnana Yogi vertieft sich intellektuell in der Meditation über Sätze wie zum Beispiel: TAT TVAM ASI= Du bist DAS

Der größte Vertreter des Jnana Yoga war Shankaracharya. Er äußerte drei bedeutende Sätze:

  1. Die Welt ist unwirklich. Alles verändert sich, nichts ist beständig, alles ist dem Wandel unterlegen, die äußere Welt ist deshalb Illusion, sie ist nichts wirklich, da sie sich ständig ändert.
  2. Brahman (universellem SELBST) allein ist wirklich. Brahman aber als das höhere SELBST oder höchstes Bewusstsein ist aber immer, es ändert oder verändert sich nicht, es ist immer. Und es wird immer sein, es ist ewig.
  3. Atman (das SELBST in uns) und Brahman sind eins. Es gibt keinen Unterschied zwischen dem SELBST in uns und dem universellem SELBST.

Raja Yoga

Raja Yoga wird auch als Königsweg des Yoga oder als Yoga des Geistes bezeichnet. Es ist der Yogaweg der Gedankenkontrolle. Um diese Gedankenkontrolle zu erreichen, beschreibt Raja Yoga 8 Stufen (Ashtanga = acht Glieder, Stufen).

Die Stufen, die allgemein bekannt sind, sind die 3. Stufe: Asanas und die 4. Stufe: Pranayama (beides zusammen wird formal zu Hatha Yoga zusammengefasst). Durch die Praxis aller acht Stufen erreicht man eine gute Gedankenkontrolle und damit eine gute Kontrolle über den Geist.

Die acht Stufen des Raja Yoga:

  1. Yama
  2. Niyama
  3. Asanas
  4. Pranayama
  5. Pratyahara
  6. Dharana
  7. Dhyana
  8. Samadhi

Patanjali war ein großer Raja Yogi. Er lebte vermutlich zur Zeit Jesu Christi und war wohl einer der grössten Psychologen seiner Zeit. Er hat die philosophische Abhandlung „die Yoga Sutren“ geschrieben. Meist wird es kurz als „Yoga Sutra“ bezeichnet (Sutra= Vers/Faden, sehr kurz gefasster Satz).

Da der Raja Yoga so umfangreich ist, wird es dazu noch mal eine separaten Artikel geben. Deshalb hier nur diese kurze Zusammenfassung.

Hatha Yoga

Hatha Yoga wird in der traditionellen Schrift „Hatha Yoga Pradipika“ (manchmal auch kurz Hathapradipika genannt) beschrieben. Diese Schrift stammt aus dem 14. Jahrhundert nach Chr. und ist damit eine recht „junge“ Schrift. Mit dem oben genannten Werk der „Yoga Sutren“ ist sie das mit bekannteste traditionelle Werk über Yoga.

Hatha Yoga beinhaltet klassisch Übungen und Techniken zur Reinigung des physischen und subtilen Körpers (Energien, Emotionen usw.) Wen dies interessiert, der sollte mal einen Blick in die recht kurze traditionelle Abhandlung der Hathapradipika hineinschauen.

Nicht zu vergessen sei aber immer im Zusammenhang mit Hatha Yoga, dass es sich hierbei ursprünglich um Teile des Raja Yoga Weges handelt (siehe oben).

Das Wort „Hatha“ besteht aus zwei Silben. „Ha“ steht hier für die Sonne und „Tha“ für den Mond. Der Begriff Hatha als solches steht im Sanskrit für Kraft und Hartnäckigkeit. Gemeint ist, dass es viel Kraft und Disziplin braucht, den Weg des Hatha Yoga zu beschreiten und dass unterschiedliche (duale Kräfte, männlich- weiblich, Sonne-Mond usw.) hier zusammengeführt werden.

In der sogenannten westlich- modernen Welt liegt fast immer der Schwerpunkt auf Hatha Yoga und dessen körperliche Übungen und ist entsprechend körperbetont und häufig weniger spirituell.

Dein Yoga Weg

Nachdem du nun einen kleinen Überblick über die traditionellen Yoga-Wege gewonnen hast, kannst du nun deinen eigenen Weg anschauen, prüfen und gegebenenfalls integrieren, was dir daran zusagt.

Egal, ob oder wie viel du traditionelle Wege des Yoga bereits gehst oder gehen möchtest, gehe deinen Yoga Weg mit Überzeugung, Konsequenz und Hingabe. Ist Yoga für dich ein „nice-to-have“, aber damit nur eine von vielen Optionen oder ist es ein „must-have“, was du in deinem Leben nicht mehr missen möchtest? Entscheide dich und dann geh deinen Weg voller Liebe. Hundertprozentig.

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