Annehmen, was ist

Egal, ob es sich um eine Erkältung, einen akuten Bandscheibenvorfall oder eine andere Form von Krankheit handelt: all das zwingt uns dazu, mehr oder weniger kurz innezuhalten. Wir müssen unser alltägliches Treiben anpassen, weil wir nicht mehr reibungslos „funktionieren“, wie wir es kennen und meistens auch von uns erwarten. Krankheiten sind doof und Schmerzen tun weh, also wollen wir beides so schnell wie möglich wieder weghaben, damit wir wieder auf den Zug des Lebens aufspringen können. Oder sollten wir besser sagen: in das Hamsterrad zurück?

Wenn du meinen Artikel „Wieder auf die Beine kommen“ gelesen hast, weisst du, dass dies der zweite Teil einer Serie von Artikeln rund um das Thema „wie komme ich wieder (nach/während einer Krise) auf die sprichwörtlichen Beine?“ ist. Wir wollen hier und heute das eigentliche Annehmen, dessen was ist anschauen und das Erkennen beleuchten, was eigentlich los ist.

Eine Ärztin geht trotz schwerer Erkältung arbeiten, obwohl sie es eigentlich besser wissen und sich schonen müsste, eine Frau erledigt trotz Bandscheibenvorfall unter Schmerzen den Einkauf und Haushalt oder ein erfolgreicher Manager trinkt jeden Abend zwei Gläser Wein, um einschlafen zu können. Oder wir trinken lieber doch noch einen weiteren Kaffee, damit man die Müdigkeit und Erschöpfung nicht mehr spürt..? So sieht die Realität aus. Was ist los mit uns?

Warum gönnen wir uns keine Zeit der Genesung? Ist der Druck so groß? Können wir das Ungute und Unangenehme nicht mehr aushalten? Können wir uns selbst nicht mehr aushalten und vermeiden deshalb jedes Aufkommen von echter Ruhe und Entspannung?

Ich denke, in dem wir mehr oder weniger durch gesellschaftliche Normen und von vorgegebenen Idealen gezwungen sind, immer und überall Leistung zu bringen, haben wir verlernt uns Zeit zur Muße zu nehmen. Und oft können wir sie uns aufgrund von äusseren Gegebenheiten und Aufgaben auch gar nicht mehr nehmen. Klar sind wir immer stark und verlässlich. Immer einsatzbereit.

Selbst so manche Yoga-Stunde verströmt das Aroma des „Höher.Weiter.Schneller“-Denkens. Und dort, wo wir eigentlich entspannen und loslassen sollten, konkurrieren wir, entweder mit den anderen oder mit unserer eigenen Vorstellung von uns selbst.

Aber wenn uns dann das Leben kleinere oder größere Krankheiten, Krisen oder „Unfälle“ schickt, dann möchte es uns sagen: halt mal inne! Stolpern wir dann über die kleineren „Ereignisse“ hinweg und schmeissen schnell ein Schmerzmittel ein, damit der Kopf nicht so sehr brummt, dann kommt vielleicht bei nächster Gelegenheit das nächstgrößere „Ding“ um die Ecke.

Bitte versteh‘ mich nicht falsch. Ich bin nicht für unnötiges Jammern und Leiden. Aber ich bin dafür, dass wir unsere „Hausaufgaben“ machen. Diese bestehen darin, uns zu fragen, was eigentlich gerade los ist mit uns, mit unserem Leben.

Was ist nicht mehr im Gleichgewicht? Gibt es etwas, was ich verdrängt habe/ verdrängen musste, weil keine Zeit war, hin zu kucken? Oder hatte ich Angst hinzuschauen? Bin ich doch wieder nur innerlich davon gelaufen anstatt anzunehmen, zu spüren und zu fühlen?

Wenn wir dies nicht regelmässig reflektieren, beginnen wir Nicht-Gefühltes, Nicht-Gelebtes zu somatisieren (Soma, griechisch = Körper). Ja, wir setzen es in körperliche Symptome um. Jede vermeintliche Bremse in unserem Leben, sei es ein schwerer Schnupfen, die Schlaflosigkeit oder der Hexenschuss, haben auch eine positive Botschaft für uns bereit.

Körper, Geist und Seele arbeiten als perfektes Netzwerk. Wenn auf der einen Ebene etwas ignoriert oder negiert wird, dann agiert es ein anderer aus. Schieben wir beispielweise unser Bedürfnis nach Ruhe und Stille immer wieder auf, reagiert unser Geist eventuell mit innerer Unruhe, unsere Seele vielleicht mit depressiver Verstimmung und unser Körper mit Krankheit. Und alle möchten uns nur eins mitteilen, nur eins erreichen: uns zur Ruhe bringen.

Nehmen wir uns dann wenigstens, wenn es uns eiskalt wie eine Erkältung „erwischt“ hat die Zeit, uns folgendes klarzumachen und um darüber nachzudenken:

  1. Widerstand nützt nichts. Nehmen wir an, was wir gerade eh nicht ändern können.
  2. Sehen wir das Gute (die Chance) darin, dass es uns gerade „lahmgelegt“ hat.
  3. Und stellen wir uns die Frage: worum geht es letztlich im Eigentlichen?

Ein Schnupfen will uns vielleicht nicht gerade mitteilen, dass wir so ziemlich alles in unserem Leben falsch machen, aber vielleicht, dass wir besser auf uns acht geben sollten. Eine Krebs-Erkrankung oder eine schwere Depression mögen uns vielleicht schon viel eher Tiefgreifendes und Wesentlicheres über uns und unser Leben sagen wollen.

Lernen wir, egal worum es geht, wieder aufmerksam zuzuhören. Und zwar uns selbst. Geben wir Körper, Geist und Seele wieder den nötigen Raum in unsrem Leben. Dies wird keine hundertprozentige Garantie für ein krankheitsfreies Leben sein, aber eine sehr gute Möglichkeit, wieder zu Hundertprozent im eigenen Leben zu sein.

Tipp: nächste Woche gibt es eine praktische Übung zum Thema „Annahme“.

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